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Informationsarbeit zur Beurteilung psychischer Belastungen

Ausgangslage

Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen steht demnächst im Betrieb an. Darauf, dass dazu eine Befragung der Beschäftigten durchgeführt werden soll, haben sich die Geschäftsführung und der Betriebsrat geeinigt. Während der Betriebsratssitzung tauchen bei den Betriebsräten nach und nach Fragen auf: „Was soll da eigentlich abgefragt werden?“, „Wissen die Kolleginnen und Kollegen, was das Ziel der Befragung ist?“, „Was bedeutet eigentlich psychische Belastung?“. Den Betriebsräten wird schnell klar, dass vorab noch Einiges zu klären ist, damit die Befragung ihren Zweck der Verbesserung der Arbeitsbedingungen nicht verfehlt. Zudem benötigen sie vor allem selbst noch weiteres Wissen zur Beurteilung psychischer Belastungen.

Wie die betriebliche Arbeitnehmervertretung mit dieser Herausforderung umgehen kann, zeigt das vorgestellte Praxisbeispiel aus unserem Projekt.

Die Gefährdungsbeurteilung ist das zentrale Instrument des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Betrieb. Sie stellt die Grundlage der betrieblichen Prävention gesundheitlicher Gefährdungen von Beschäftigten bei der Arbeit dar. Dieses vorausschauende und vorsorgliche Vorgehen fordert das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) auch ein. Es verpflichtet die Arbeitgeber, eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen vorzunehmen und erforderliche Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu treffen.

Gefährdungen können dabei von verschiedenen Quellen ausgehen, wie etwa von chemischen Stoffen, körperlichen Zwangshaltungen oder emotionalen Belastungen bei der Arbeit. Um im Betrieb Maßnahmen zum Schutz und zur Entlastung v.a. für psychische Belastungen einzuführen, sind die Beschäftigten in den Prozess zur Beurteilung der Gefährdungen mit einzubinden. Um Ängsten, Vorbehalten oder gar möglichen Widerständen von Beschäftigten zu begegnen, ist eine aktive Informations- und Kommunikationsarbeit auch vor und während der Gefährdungsbeurteilung unerlässlich.

Beschäftigte in den Beurteilungsprozess von psychischen Belastungen mit einzubeziehen und sich von ihnen ein direktes Feedback einzuholen, ist ein wesentlicher Bestandteil erfolgreicher Gesundheitsprävention im Betrieb. Mit der gemeinsamen Verabredung zwischen Geschäftsführung und betrieblicher Arbeitnehmervertretung eines regionalen Pflegedienstleisters war dem Betriebsrat bewusst, dass sich hieran Maßnahmen der Informations- und Kommunikationsarbeit und zwar im Vorfeld der Befragung anzuschließen haben.

Um ihr eigenes Wissen aufzufrischen und gegenüber den Kolleginnen und Kollegen auskunftsfähig zu sein, informierten sich die Betriebsratsmitglieder zunächst selbst. Neben den Informationsbroschüren der Berufsgenossenschaft nahmen sie hierzu an Veranstaltungen des Netzwerks für Gesundheitsbeschäftigte teil und besuchten ein entsprechendes Seminar zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.

Darüber hinaus hat der Betriebsrat das Thema psychische Belastungen auf die Tagesordnung der nächsten Betriebsversammlung gesetzt. Hierzu wurde zum einen die im Betrieb zuständige Fachkraft für Arbeitssicherheit für einen Fachvortrag eingeladen. Nach deren kurzem Input konnten sodann im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen weitere Fragen geklärt, als auch Anregungen der Beschäftigten aufgenommen werden. Zum anderen erhielten die Beschäftigten einen Flyer – ähnlich einem FAQ – mit den wichtigsten Informationen zu psychischen Belastungen sowie zur anstehenden Befragung im Rahmen des Beurteilungsprozesses.

Um eine wirksame Gefährdungsbeurteilung mit den Beschäftigten im Betrieb durchzuführen, bedarf es einer gezielten Informations- und Kommunikationsarbeit vor und auch während des Beurteilungsprozesses. Betriebliche Arbeitnehmervertretungen sollten hierbei folgende Schritte berücksichtigen.

1. Verständigung mit Arbeitgeber

Die Mitglieder der betrieblichen Arbeitnehmervertretung haben sich mit dem Arbeitgeber über das Verfahren und das Vorgehen bei der Gefährdungsbeurteilung zu verständigen. Vor allem bei der Beurteilung psychischer Belastungen sollte ein beteiligungsorientierter Prozess umgesetzt werden. Eine Einbeziehung der Beschäftigten sollte dabei von Beginn an mit geplant und mit entsprechend zeitlichen Kapazitäten berücksichtigt werden.

2. Sich selbst fit machen

Die Gefährdungsbeurteilung ist ein Instrument des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, das einen hohen Wissens- und Komplexitätsgrad aufweist. Damit die betriebliche Arbeitnehmervertretung ihren Mitwirkungsrechten und -pflichten nachkommen kann, müssen die Gremienmitglieder selbst theoretisch und praktisch fit in diesem Thema sein. Dazu eignet sich neben dem Studium von Informationen und Unterlagen vor allem der (auch wiederholende) Besuch von Schulungen oder Seminaren.

3. Unterstützung hinzuziehen

Aufgrund der hohen Anforderungen können (sollten) sich betriebliche Arbeitnehmervertretungen auch Sachverstand zur Gefährdungsbeurteilung (psychischer Belastungen) jenseits ihres Gremiums heranholen. Das können im Betrieb bspw. die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder der Betriebsarzt sein; oder von extern die Berufsgenossenschaft sowie andere ausgewiesene Fachexpert*innen.

4. Informationen einfach aufbereiten und breit streuen

Um eine breite Akzeptanz und hohe Beteiligung zu erzielen, sollten die Informationen zur Gefährdungsbeurteilung für die Beschäftigten verständlich und in einfacher Sprache aufbereitet sein. Dabei sollten auch verschiedene Instrumente der Informationsverbreitung angewandt werden. Neben schriftlichen Mitteln wie Flyer, FAQs oder Email-Infos sollte auf jeden Fall der persönliche und direkte Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen gesucht werden. Das kann bei der Betriebsversammlung oder im Rahmen gezielter Info-Veranstaltungen erfolgen.