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Gewalt gegen Pflegende enttabuisieren

Ausgangslage

„Der Patient hat mich angeschrien, gekratzt und dann nach mir geschlagen.“ Gewalt in der Pflege ist keine Seltenheit, sie findet sich in verschiedenen Formen wieder. Davon betroffen sind auch Pflegende, die sowohl körperliche als auch verbale Gewalt in ihrem Arbeitsalltag erfahren. Die Brisanz besteht darin, dass vielfach sich Betroffene mit diesen Vorfällen allein gelassen fühlen und sich nicht trauen, offen darüber zu sprechen – weder mit Kolleg*innen und Vorgesetzten, noch mit Freunden oder der Familie. Gewalt gegen Pflegende ist oftmals immer noch ein Tabu. Diese Belastungen können gravierende Auswirkungen für die Beschäftigten, ihre Gesundheit und letztlich für den Betrieb und die Qualität der Pflege haben.

Wie betrieblich dagegen vorgegangen werden kann, zeigt beispielhaft das hier vorgestellte Handeln des Betriebsrats einer Pflegeeinrichtung.

Vorfälle physischer und psychischer Gewalt gegen Pflegende treten auf. Sie können beabsichtigt, aber auch unbeabsichtigt sein. Fakt ist, dass Beschäftigte mit gewalttätigen Situationen konfrontiert werden und damit umgehen müssen – ob sie wollen oder nicht. Dabei sind die Pflegenden zu unterstützen.

Die Unterstützung kann einerseits präventiv im Vorfeld geschehen, indem Pflegende lernen, wie sie solche Situationen vermeiden bzw. wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollten. Aber auch im Nachgang kann Betroffenen durch die Begleitung geholfen werden. Zentral ist dabei die Kommunikation: Pflegende müssen über ihre Gewalterfahrungen sprechen, sich austauschen und ihr Handeln reflektieren können.

Diese Unterstützung setzt einen offenen und ehrlichen Umgang mit dem Thema Gewalt gegenüber Pflegenden im Betrieb und in der Gesellschaft voraus. Sie ist erforderlich, damit Beschäftigte sich nicht allein gelassen fühlen. Nur so können geeignete Maßnahmen angeboten und von Beschäftigten auch angenommen werden.

Das Tabu zu brechen und offen über Gewalt gegenüber Pflegenden zu sprechen, ist keine leichte Aufgabe. Es ist ein Weg, der Ausdauer und Geduld erfordert. Das erlebte auch der Betriebsrat einer Pflegeeinrichtung. Nachdem eine Beschäftigte körperliche Gewalt von Seiten eines Klienten erfahren hat, wurde betrieblich versucht, das als Einzelfall ad acta zu legen. Damit gab sich der Betriebsrat nicht zufrieden. Der Arbeitgeber ist letztlich in der Pflicht, Beschäftigten einen sicheren und gewaltfreien Arbeitsplatz zu gewährleisten.

Wichtiges Kriterium für den Betriebsrat war dabei, den Kolleginnen und Kollegen einen geschützten Raum zu bieten. Über Gewalterfahrungen, Ängste und Gefühle oder sogar Traumata, die solche Erfahrungen aber auch die alleinige Vorstellung auslösen, zu sprechen erfordert Mut und Vertrauen. Das macht niemand einfach mal so „im Vorbeigehen“. Daher wollte der Betriebsrat den Kolleginnen und Kollegen verdeutlichen, dass sie nicht allein sind und ihnen Unterstützung zukommt.

Der Betriebsrat initiierte eine Fokusabfrage, bei der die Kolleginnen und Kollegen anonym fünf Fragen beantworteten. Die Auswertung zeigte, dass viele Kolleginnen und Kollegen bereits mit Gewalt in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert waren und brachte erste Risse in die dicken Mauern des Tabus. So konnte der Betriebsrat das Thema gegenüber dem Arbeitgeber setzen, aufzeigen und begründen, dass sich die Beschäftigten von Seiten des Betriebes Unterstützung in Form einer betrieblichen Weiterbildung wünschen.

Um das Tabuthema Gewalt gegenüber Pflegenden aufzubrechen, erfordert es neben einem langen Atem ein sensibles und vertrauensvollen Vorgehen im Betrieb. Um dies zu erreichen, sollten folgende Schritte berücksichtigt werden:

1. Aufbau einer offenen und vertrauensvollen Gesprächskultur

Das Thema Gewalt gegenüber Pflegende kann nur offensiv angegangen werden, wenn eine offene und vertrauensvolle Gesprächskultur im Betrieb etabliert wird. Dazu gehört insbesondere, dass Beschäftigte keine Angst vor negativen Konsequenzen oder dem Bloßstellen der eigenen Person zu befürchten haben. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern bedarf eines langen Atems.

2. „Türöffner“ entwickeln und anwenden

Um mit den Beschäftigten zu diesem sensiblen Thema ins Gespräch zu kommen, sollte ein geeigneter „Türöffner“ gewählt werden. Dieser sollte niedrigschwellig sein und Beschäftigten einen vertrauensvollen, geschützten Umgang mit dem Besprochenen signalisieren. Hierfür eignet sich beispielsweise eine Fokusabfrage, bei der die Beschäftigten ihre Erfahrungen und ihre Bedarfe anonym darlegen können.

3. Unterstützung anbieten und transparent kommunizieren

Um den Beschäftigten konkret zu helfen, sind wirksame Unterstützungsangebote wie Seminare oder die Vermittlung von Gesprächskontakten zu formulieren und zu kommunizieren. Dabei sollten die Angebote aufrecht erhalten werden, auch wenn (vermeintlich) zwischenzeitlich keine akute Nachfrage besteht. Wenn Bedarf sichtbar wird, sollte schnell und unkompliziert Hilfe geboten werden.

4. Auf der Agenda halten

Ein Tabu aufzubrechen, gelingt nicht mit einer einmaligen Aktion oder Maßnahme, sondern erfordert kontinuierliche Sensibiliserung. Daher ist in regelmäßigen Abständen das Thema Gewalt gegenüber Pflegenden auf die Tagesordnung zu setzen. So kann in Teambesprechungen, auf Betriebsversammlungen immer wieder an bestehende Unterstützungsangebote erinnert werden bzw. lassen sich diese auf Grundlage des Austauschs erneuern und weiterentwickeln.