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Gefährdungen aktiv begegnen

Ausgangslage

Keine Pausen, keine Zeit, aufs WC zu gehen oder zum Trinken, die soziale Zeit mit Patient*innen auf das Minimalste reduziert, Überstundenaufbau. Das sind nur einige Ausführungen von Gesundheitsbeschäftigten aus ihrem „normalen“ Arbeitsalltag, der geprägt ist von steigender Arbeitslast und Zeitdruck. Beschäftigte befinden sich immer häufiger in Situationen, die Versorgung ihrer Patient*innen und Klient*innen nicht mehr sicher und in der notwendigen Qualität erbringen zu können. Manche sagen gar, dass das sei mittlerweile die Regel. Damit steigt die Gefahr von Fehlern und Unfällen, das Gefährdungsrisiko für Menschen, Patient*innen und Beschäftigte nimmt zu.

Ein Praxisbeispiel aus unserem Projekt wie betrieblich damit umgegangen werden kann, stellen wir hier vor.

Gefährdungen sind frühzeitig zu erkennen und anzuerkennen. Nur so können Maßnahmen eingeleitet werden, um mögliche Schadensfälle bereits im Vorfeld abzuwenden. Durch die Überprüfung der Arbeitsbedingungen und Arbeitsorganisation können organisatorische und strukturelle Mängelbehoben werden.

Gleichzeitig gilt es, die Beschäftigten auch rechtlich zu schützen und vor möglichen Schadensersatzansprüchen abzusichern. Arbeitnehmer*innen müssen bei der Abwendung von Schäden mitwirken und den Arbeitgeber auf drohende Gefahren hinweisen. Der Arbeitgeber bzw. die Vorgesetzten haben wiederum dafür Sorge zu tragen, dass entsprechende Gefährdungen abgewendet werden.

Ein Instrument, um Gefährdungen präventiv und aktiv zu begegnen, ist die Gefährdungsanzeige. Häufig ist sie auch unter dem Begriff der Überlastungsanzeige bekannt.

Die Gefährdungsanzeige ist eine schriftliche Mitteilung über relevante Risiken bei der Arbeit gegenüber den Vorgesetzten bzw. dem Arbeitgeber. Beschäftigte zeigen darin an, dass zu erledigende Aufgaben nicht mehr ordnungsgemäß erfüllt werden können und es bei Nichtbehebung zu Fehlern und Unfällen kommen kann – die auch ernsthafte Folgen für Gesundheit und Leben der Patient*innen und der Beschäftigten nach sich ziehen können. Vorgesetzten erlangen so (nachweisbar) Kenntnis, dass Arbeitsbedingungen und/ oder Arbeitsorganisation zu verändern sind. Gleichzeitig schützen sich Beschäftigte vor Haftungsansprüchen.

Von allen Beteiligten ernst zu nehmen

Beschäftigte sollten keine Angst haben, Gefährdungen anzuzeigen. Gefährdungen sind strukturelle und organisatorische Defizite und nicht individuelle Versäumnisse von Beschäftigten. Das Stellen einer schriftlichen Gefährdungsanzeige hat weder etwas mit dem Anschwärzen der eigenen Abteilung, noch mit einer persönlichen Unfähigkeit oder individuellen Leistungsdefiziten zu tun. Beschäftigte dürfen sich jedoch nicht der Arbeit verweigern. Sie haben auch nach gestellter Gefährdungsanzeige weiterhin ihre Arbeitsaufgaben zu erfüllen, soweit und so gut es ihnen möglich ist.

Vorgesetzte und Geschäftsführung müssen Gefährdungsanzeigen ernst nehmen. Sie sollten nicht unterschätzt werden. Gefährdungsanzeigen sind ein wichtiges Hilfsinstrument zur Aufdeckung von Missständen in der Arbeitsorganisation und den Arbeitsbedingungen sowie zu deren qualifizierter und professioneller Beseitigung. Sie eignet sich hervorragend als „Qualitätsanzeige“ und sollte als fester Bestandteil in das Qualitätsmanagement integriert werden.

Gefährdungen tauchen im Arbeitsalltag immer wieder auf. Offen ist nur die Frage, wie wird damit im Betrieb umgegangen. Im Sinne einer professionellen, aktiven Begegnung sollten folgende Schritte berücksichtigt werden:

1. Betriebliche Interessenvertretungen/ Multiplikatoren fit machen

Betriebs- und Personalräte sollten sich mit dem Thema Gefährdungen und deren Anzeige auseinandersetzen und mindestens eine verantwortliche Person hierfür benennen können, die sich damit auskennt und als Ansprechpartner*in fungieren kann. Um sich das erforderliche Know-how anzueignen, ist eine Schulung zu den rechtlichen Hintergründen und umsetzungsrelevanten Aspekten dringend zu empfehlen. Das trifft gleichermaßen auf Vorgesetzte und Geschäftsführungen zu.

2. Sensibilisierung für Gefährdungen

Gefährdungen resultieren in erster Linie aus strukturellen und organisatorischen Defiziten und sind nicht auf individuelle Leistungsdefizite oder persönliche Unfähigkeit zurückzuführen. In diesem Sinne gilt es, alle betrieblichen Akteure zu sensibilisieren. Dafür sind Betriebs- und Personalräte gleichermaßen wie Arbeitgeber und Führungskräfte verantwortlich. Um dieses Verständnis im Betrieb breit zu verankern, ist eine offene und ehrliche Kommunikation notwendig. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern bedarf Zeit und Geduld.

3. Informationen zum Instrument der Gefährdungsanzeige

Damit das qualitätsverbessernde Instrument der Gefährdungsanzeige genutzt wird, sind die Beschäftigten über diese Möglichkeit zu informieren und zu qualifizieren. Denn es geht um das Aufdecken von Gefährdungen und den Schutz der Beschäftigten vor möglichen Schadenersatzansprüchen. Dazu gehören v.a. Hinweise, welche Punkte bei einer Gefährdungsanzeige nicht fehlen dürfen: bspw. die schriftliche Form, das Begehren der dringenden Abhilfe, die Kopie an den Betriebsrat/ Personalrat und der Verbleib in der Personalakte. Diese Informationen können beispielsweise im Rahmen von Betriebsversammlungen oder bei Team- und Abteilungssitzungen verbreitet werden.

4. Etablierung als Qualitätsanzeige

Auf Gefährdungsanzeigen müssen Taten folgen. Gemäß ihrer Fürsorgepflicht haben sich Vorgesetzte mit den Inhalten einer Gefährdungsanzeige auseinanderzusetzen und entsprechende Maßnahmen zur Abschaffung bzw. zur Reduzierung von Gefährdungen umzusetzen. Nur wenn dies geschieht, kann die Gefährdungsanzeige als Instrument zur Verbesserung der Arbeit(-squalität) im Betrieb etabliert werden. Zu prüfen ist, ob eine betriebliche Vorlage erarbeitet werden kann, die den formalen Prozess des Stellens einer Gefährdungsanzeige erleichtert.