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Arbeitszeitbedarfe systematisch erfassen

Ausgangslage

Die Gestaltung der Arbeitszeit in der Pflege ist höchst anspruchsvoll. Die Ansprüche und Bedarfe der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen sind mit denen der Pflegekräfte und des Betriebes miteinander zu vereinbaren. In der ambulanten Pflege ist zudem mit einem, auch tageszeitlich stark schwankenden Arbeitsvolumen umzugehen. So ist sind Zeit- und Pflegebedarfe v.a. in den Morgen- und Nachmittagsstunden am höchsten, was für Beschäftigte oft mit so genannten Teildiensten einhergeht. Steigende Krankheitsfälle in der Belegschaft, altersbedingtes Ausscheiden von Beschäftigten aus dem Arbeitsleben und die gefühlt oft schier vergebliche Suche nach neuen Arbeitskräften beeinflussen die Situation zusätzlich. Vor diesem Hintergrund ist der Handlungsdruck, die Arbeitszeitgestaltung zu verbessern, enorm hoch.

Das hier skizzierte und aus dem Projekt unterstützte Vorgehen eines Pflegedienstleisters aus dem Landkreis Mittelsachsen zeigt exemplarisch, wie dies betrieblich gelingen kann.

Die Arbeitszeit ist ein wesentlicher Faktor für gute Arbeitsverhältnisse, den es zu gestalten gilt. So bestimmt zum einen der Umfang der Arbeitszeit ganz wesentlich die Höhe des Gehalts am Monatsende. Zum anderen hängt die Belastungssituation der Beschäftigten und damit auch eine gute Pflege wiederum von der Ausgestaltung der Arbeitszeit ab.

Im Pflegebereich sind unterschiedliche Bedarfe (der Pflegebedürftigen, der Angehörigen, der Beschäftigten, des Betriebs) in Bezug auf die Pflege- und Arbeitszeiten zu berücksichtigen und miteinander zu vereinbaren. Unterschiedliche Ansprüche bergen hierbei oft hohes Konfliktpotential und können im äußersten Fall den Betriebsfrieden erheblich stören. Damit das nicht geschieht, ist es zunächst wichtig, die verschiedenen Bedarfe zu kennen und sich darüber zu verständigen. Aus diesem Grund entschlossen sich die Geschäftsführung und der Betriebsrat eines regionalen Pflegedienstleisters gemeinsam ein genaueres Bild von der aktuellen Arbeitszeitpraxis aufzunehmen und Veränderungsmöglichkeiten zu identifizieren.

Um die verschiedenen zeitlichen Bedarfe der Patienten, der Beschäftigten und des Betriebes in den Blick zu nehmen und mögliche Konsequenzen für die Arbeitszeitgestaltung hieraus zu ziehen, haben Geschäftsführung und Betriebsrat des regionalen Pflegedienstleisters ein gemeinsames Vorgehen verabredet. In einem beteiligungsorientierten Prozess wurde die aktuelle Arbeitszeitpraxis in der Pflege bewertet.

Die Bewertung der Arbeitszeitpraxis erfolgte mittels eines Fragebogens, der von den Beschäftigten in der Pflege über einen Zeitraum von 4 Wochen anonym ausgefüllt werden konnte und entsprechend ausgewertet wurde. Dabei wurden Fragen u.a. zur Dienstplangestaltung und Vereinbarkeit, zu Pausen- und Ruhezeiten, zur Arbeitsdichte und -belastung, aber auch zur Betriebskultur und Unterstützung durch den Arbeitgeber gestellt.

Mit Hilfe des Fragebogens wurden im Betrieb systematisch die Bedarfe der Arbeitszeitgestaltung erfasst und ein betrieblicher Diskussionsprozess zur Arbeitszeit- und Belastungssituation der Beschäftigten angestoßen. Verabredetes Ziel ist, die Lage der Beschäftigten im Pflegebereich kontinuierlich zu verbessern. Im Ergebnis des gemeinsamen Dialogs sollen spezifische Maßnahmen zur Entlastung entwickelt und in der betrieblichen Praxis umgesetzt werden.

Die Beurteilung der Arbeitszeitpraxis ist ein wesentlicher Aspekt, um passende, bedarfsspezifische Veränderungen bei der Gestaltung der Arbeit im Betrieb herbeizuführen. Um die Veränderungsbedarfe systematisch zu erfassen, sollten folgende Schritte beachtet werden:

1. Gemeinsame Verständigung der betrieblichen Akteure

Um wirksame Lösungen aus der Beurteilung der aktuellen Arbeitszeitpraxis durch die Beschäftigten zu erzielen, sollten sich die Geschäftsführung und der Betriebsrat als verantwortliche Akteure bei der Gestaltung der Arbeitszeit im Betrieb über das geplante Vorhaben verständigen. Das beinhaltet sowohl den Aspekt, was mit der Bewertung anhand eines Fragebogens erreicht werden soll (Zielverständigung), als auch eine Abstimmung über die groben Eckpunkte zur Vorgehensweise im Betrieb.

2. Berücksichtigung vorliegender Daten

Bei der Beurteilung der betrieblichen Arbeitszeitpraxis sind neben der Bewertung der Beschäftigten bereits im Betrieb vorliegende Daten zur Arbeitszeit einzubeziehen. So können wertvolle Informationen bspw. aus den Dienstplänen und den Arbeitszeitnachweisen/ Arbeitszeitkonten gewonnen werden. Diese Daten sollten im Beurteilungsprozess von der Geschäftsführung und dem Betriebsrat berücksichtigt werden.

3. Entwicklung eines betriebsspezifischen Vorgehens inkl. Beurteilungsinstruments

Ein geordnetes, betriebsspezifisches Vorgehen ist das A und O eines Beurteilungsprozesses. Nachdem sich die Geschäftsführung und der Betriebsrat über die Eckpunkte zur Vorgehensweise verständigt haben, sollten die einzelnen Schritte des Prozesses mit einer Zeit- und Maßnahmenplanung sowie mit einer Aufgabenzuständigkeit zwischen den Verantwortlichen abgestimmt werden. Als hilfreich für die Umsetzung in der Praxis hat sich erwiesen, die Pflegedienst- und/ oder Teamleitungen frühzeitig einzubeziehen.

Neben der Abstimmung des gemeinsamen Vorgehens ist in dieser Prozessphase dem Beurteilungsinstrument ein besonderes Augenmerk zu widmen. Es sollte nicht einfach ein Fragebogen zur Arbeitszeit aus dem Internet oder anderen Quellen kopiert werden. Um gesicherte Ergebnisse zu erhalten, sollte der Fragebogen mit seinen Antwortmöglichkeiten und seiner Form auf den Betrieb abgestimmt werden sowie betriebsspezifische Besonderheiten (z.B. vorhandene Arbeitszeitmodelle oder informelle Praktiken) aufgreifen. Die Geschäftsführung und der Betriebsrat sollten dabei gleichermaßen ihren prüfenden Blick einbringen.

4. Einbindung der Beschäftigten

Damit die Bewertung der Arbeitszeitpraxis beteiligungsorientiert erfolgt, sind die Beschäftigten in den Prozess einzubinden. Das sollte frühzeitig und transparent erfolgen, indem den Beschäftigten die einzelnen Schritte und deren Einbindung in den Bewertungsprozess aufgezeigt werden. Das schafft Verbindlichkeit und Akzeptanz.

5. Unterstützende Maßnahmen während Befragungszeitraum

Für eine hohe Beteiligung sind die Beschäftigten zielgerichtet zur (anonym durchgeführten) Befragung und zum Umgang mit den Daten zu informieren. Das fördert das Vertrauen. Je nach gängigen Informations- und Kommunikationsmitteln eines Betriebes kann das bspw. per Email oder Intranet-Beitrag, in Form eines Beschäftigtenanschreibens zum Fragebogen sowie durch begleitende Aushänge im Betrieb erfolgen. Zuträglich sind zudem auch ein gemeinsames Werben von Geschäftsführung und Betriebsrat sowie eine Erinnerung an die Abgabefrist während des Befragungszeitraums.

6. Diskussion der Ergebnisse und Handlungsanstrengungen

Mit den ausgewerteten Ergebnissen der Befragung beginnt nun der Diskussionsprozess im Betrieb. Dieser Prozess, der entsprechend Zeit bedarf, sollte moderiert und geordnet erfolgen. Daher sind zunächst alle Beteiligten – Geschäftsführung, Betriebsrat, Pflegedienst- und/ oder Teamleitungen sowie die Beschäftigten – auf den gleichen Informationsstand zu bringen. D.h., die Befragungsergebnisse sind entsprechend aufzubereiten und allen zur Verfügung zu stellen. Im gegenseitigen Austausch wie bspw. in Team- und Bereichssitzungen, Betriebsversammlungen sowie in Gesprächen zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat, erfolgt sodann eine Einschätzung der Ergebnisse und die Ableitung möglicher, gemeinsamer Handlungsanstrengungen.